Wilde Zeiten im Odenwald

 

WILD ist der Odenwald schon in ersten Reisebereichten beschrieben worden. So schrieb ein Frankfurter Besucher zu Beginn des 19. Jahrhunderts :" Was soll oder kann ich Neues über die Reisestrecke von Reichelsheim nach Erbach sagen ? Furchtbare Wege. auf welchen der Wagen oft in Trümmer zu gehen schien und wir jeden Augenblick herabzufliegen glaubten, steile Höhen, die wir, um die Pferde zu schonen, zu Fuß im geselligen Verein erstiegen..."

Karl Jäger, Pfarrer aus Bürg bei Heilbronn beschrieb in seinem Reiseführer von 1824 weitere Schwierigkeiten bei einer Reise im Odenwald : "Am gerathensten ist wohl die Fußreise im Odenwald, in dem man in steinigten Gebürgswegen mit einem Wagen öfters aufgehalten wird..."*1

Der wilde Jäger seinerseits ist der Sage nach der Geist des ruhelosen Rodensteiners, der jedesmal, wenn die deutschen Lande bedroht werden nachts mit schrecklichem Lärm, Pferdegewieher, Hufgeklapper, Hundegebell und Kettenrasseln vom Schnellerts durch Kainsbach bis zum Rodenstein zieht.

Dieser unruhige Geist wurde von Werner Bergengruen in den Jahren 1925/26 in seinem Buch "Das Buch Rodenstein" sehr anschaulich beschrieben. Es sei jedem nur empfohlen, einmal eine Geschichte aus diesem Buch zu lesen und dann in einer mondhellen Nacht eine Wanderung von der Freiheit auf die Burgruine Rodenstein zu machen - danach versteht man, was ich meine...!

Wild waren wohl auch die beiden Frauen, die in einer Höhle unterhalb des Wildweibchensteines wohnten. Es muß sich wohl um Kräuterkundige gehandelt haben, denn einer ihrer oft gehörten Sätze war :"Wenn die Bauern wüßten, wozu die wilden weißen Selben und die wilden weißen Heiden gut sind, dann könnten sie mit silbernen Karsten hacken!"

Sie halfen oft den Dorfbewohnern bei Krankheiten und wenn sie von einem Bauern etwas zu essen bekamen, dann bedankten sie sich sogar mit Silberbesteck. Eine von ihnen wurde sogar mit einem Ritter von Rodenstein in Verbindung gebracht - sie soll einen Sohn von ihm gehabt haben.

Eines hat alles Wilde gemein: Es ist unberechenbar. Keiner weiß, wann der wilde Jäger auszieht, keiner wusste, wann die wilden Weiber ins Dorf kamen und wie man sie im Wald finden konnte.

Genau so unberechenbar ist unser heimisches Wild. Der Jäger muß oft mehrere Tage auf den gleichen Ansitz um ein bestimmtes Tier erlegen zu können. Das ist nicht vergleichbar mit der Gehegehaltung in anderen Ländern, wie zum Beispiel Neuseeland, in denen Hirsche wie Kühe auf der Weide gehalten werden.

Aus diesem Grund wünschen wir Ihnen viel Genuß bei der Erkundung der wilden Seite des Odenwaldes - ob auf dem Teller, bei einer Wanderung durch dunkle Wälder oder bei einer literarischen Tour durch Bergengruens Rodensteiner.

JK-03.10.2009
*Quelle : Ludwig Fertig :"Landleben und Literaturtradition" Der Odenwald und seine Dichter