Das Fräulein vom Rodenstein
frei nach Werner von Bergengruen
Einem Jüngling erschien ein junges Fräulein, welches Ihn anflehte, es doch zu erlösen.
Er solle drei Nächte hintereinander auf der Burgruine zu sein, sie werde ihm in drei verschiedenen Gestalten erscheinen, und jedesmal müsse er sie küssen - aber ohne je einen Laut von sich zu geben.
Mit dem ersten Kuß konnte er sogleich anfangen. In der nächsten Nacht erschien Ihm eine gräßliche Alte , er überwand sich und küsste sie, worauf sofort das schöne Fräulein erschien.
In der letzten Nacht jedoch erschien ihm eine geifernde Schlange. Vor lauter Angst rief er laut, sie solle sich wegscheren, worauf das Fräulein erschien mit den Worten :
" Hinter der Freiheit steht ein Nußbaum. Der soll eine Nuß bringen,und die soll ein weißer Vogel davontragen und über dem Burghof im Fluge fallen lassen, und aus ihr soll abermals ein Nußbaum wachsen, und aus seinem Holz soll eine Wiege gezimmert werden, und der Knabe, den man darinnen wiegen wird, der soll der Mann werden, der mich erlösen wird."
Als der junge Mann am nächsten Tag zur Freiheit ging, um nach dem Nußbaum zu schauen, da lachten ihn die Bauern nur aus.
Sie meinten, der Nußbaum hätte schon seit langem nur taube Nüsse getragen, und wenn sein Holz nicht sogar zum Feuermachen zu morsch wäre, dann hätte man ihn sicher schon umgemacht.